Psycho Logisches
Juni 14, 2008
Wenn Sie am Morgen das Ihnen unbekannte Gesicht im Badspiegel nicht waschen wollen, ist das noch kein Anzeichen für eine gespaltene Persönlichkeit. Auch das Engegefühl in der anschließenden UBahnfahrt muss kein Symptom für eine Agoraphobie sein, vermutlich fahren schlicht zu viele Personen mit. Auch dass Sie nicht jedem, der Ihnen auf der Straße entgegen kommt, in die Augen schauen, beweist noch kein soziophobes Verhalten, sondern beugt schlichter Reizüberflutung vor, gilt es doch die Schaufensterauslagen in den diversen Mobilfunkläden, Optiker- und Schuhgeschäften, Coffeeshops, Mobilfunkläden, Optiker- und Schuhgeschäften, Starbucks und Mobilfunkläden wahrzunehmen. Nicht zu vergessen, die Überschriften in den Tageszeitung der zahlreichen Aufsteller vor jeden zweiten Handyladen, Brillengeschäft oder Balzac-Kaffeehaus. Die jedoch nicht zu kaufen, ist keine anakastisch-sparsame Eigenschaft, sondern bloße Überlebensstrategie, denn das Lesen des Restes dieser Boulevardblätter würde wichtige Lebenszeit kosten. Sich im Büro auch einmal für etwas unzuständig zu erklären, kann konflikthaftes Beziehungsverhalten ahnen lassen, muss es aber nicht. Auch muss nicht jeder, der die Karriereleiter aufsteigen möchte, im aktuellen Vorgesetzen den zu ermordenden Vater sehen und Ödipus gleich mit seiner Mutter schlafen. Führt – außer in Russland – auch nicht jeder Mord am Chef zur entsprechenden Beförderung, hier hätte man besser seinen Freud gelesen. Die Folgen der sich regelmäßig anschließenden Inhaftierung stellen eine mit den eigenen Lebenszielen kollidierende Änderung der persönlichen Umweltbedingungen dar und legt den Grundstein für Ängste, Zwangshandlungen und Analfissuren. Sich daraus ergebendes Vermeidungsverhalten lässt den Angstkreislauf rotieren und lädt zu munteren affektiven Störungen, ortsnah Depression genannt, ein. Wie viel besser ist man da als Pauschaltourist in einem all inklusiv Club mit allabendlichem Buffet dran, wenn konditionierte Vorratshaltung neue Gipfelrekorde auf den Tellern vermelden lässt. Angstverhalten findet sich aber auch im täglichen Kampf gegen GEZ-Eintreiber, Zeugen Jehovas, Rotkreuzsammler, Vertreter fußgemalter Postkarten oder tätowierter Zeitungsabo-Anbieter, deren Verkaufserfolg die Bewährungszeit verkürzen hilft. Hier spart das Nichtöffnen der Tür manch lästiges Ausweichen und Konfabulieren. Für die übrigen von einer Persönlichkeitsstörung Betroffenen rate ich, das Ritzen einzustellen, den Kühlschrank wieder zu schließen und den anschließenden Link zur Selbsttherapie zu öffnen.
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Gefängnisblues
Mai 28, 2008
Um 5 Uhr früh kamen sie, ohne großes Sirenengeheul, einfach vorgefahren, zweimal klingeln, Handschellen und der Haftbefehl auf rosa Papier, das Ticket zu einer neuen Zukunft mit geregeltem Tagesablauf und drei Mahlzeiten am Tag, paradiesisch. Etwas lästig das Aufnahmeritual rund um das „ausziehen, duschen, bücken – Drogentest“, aber dann gibt’s frisch gewaschene Einheitskleidung, es herrscht Dresscode und ein paar warme Worte über das künftige Geben und Nehmen, das heißt, dir wird alles genommen, was du geben kannst. Willkommen im Knast. 6 Uhr wecken, kleine Runde im Hof, Freunde treffen, Schutzgeld zahlen und dann Frühstück. Schwarzbrot, Streichfett und Marmelade aus Pappkübeln, Ferienlagerfeeling. Die Exekutive hält den restlichen Vormittag Hof. Frage nach einem Wörterbuch, Deutsch ist hier Glücksache, doch den Bücherausweis für die Hausbibliothek gibt’s erst mit der Vollmitgliedschaft, doch der Richter ist auf Radeltour in Mecklenburg-Vorpommern. Mittag könnte besser sein, italienisches 4 Sterne Niveau, aber zum Überleben reichts, nur Wein zu pappigen Pasta an Nichts wäre nett gewesen. Anschließend Stippvisite auf der Krankenstation, die Gabel muss wieder aus der Rippe raus, hatte sich beim Stolpern über ein ausgestrecktes Bein des ostanatolisch schauenden Kollegen in meine obere Bauchseite verirrt, kann ja mal passieren. Narkose gibt’s nur Mittwoch, muss ich mir merken, wenn mich der Ostanatole das nächste Mal um meinen Nachtisch bittet. Nachmittag frei, dann Hof- und Stuhlgang, bisschen Straßenkampf im Zellentrakt und Vollkorn mit Mettwurst, alternativ Hartkäse zum Abend, es lebe die Abwechslung. Danach Einschluss und Licht bis 22 Uhr. Der nächtliche Alarm bleibt aus, endlich wieder durchschlafen, da fehlt es an nichts. Und ja, Männer schnarchen. Ob ich morgen den Zirkus noch mal mitmache, weiß ich noch nicht, in jedem Fall werde ich mich als erstes beim Koch erkundigen, ob es auch Semmeln gibt. Schwarzbrot zum Frühstück ist Folter.
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Wut im Bauch
Mai 15, 2008
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