Schienenersatzverkehr
August 19, 2008
Eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt, die ist schön, solange man nicht mit der Bahn ans Meer zu reisen gedenkt, denn dann endet der Urlaub, bevor die Erholung beginnt. Bahnfahren als das Martyrium der Moderne, ein schmiedeeisernes Relikt in Zeiten von Glasfaser, Hightech und Bitraten für den Informationshighway, der spätestens im Großgruppenabteil bei 60 Stundenkilometern auf Höhe Würzburg im Funkloch endet, so man denn überhaupt einen Sitzplatz ergattert. Selbige sind kaum mit Gold zu bezahlen, nicht weil sie so selten, sondern so gewinnträchtig künftigen Aktionären angepriesen werden müssen. Die neue Volksaktie droht. Mit ihr die bewährte Pleite Marke Telekom oder Borussia Dortmund. Wem Bahnfahren in Zeiten von Benzinpreisexplosion und Lkw-Maut noch immer zu teuer ist, kann ja mit seinem künftigen Aktienanteil dafür sorgen, dass das auch so bleibt und einen weiteren Bereich der Daseinsvorsorge damit beerdigen. Mehr Wettbewerb für bessere Preise hat ja beim Strom Dank absprachefreudiger Energieunternehmen schon ganz gut geklappt, wie wird das erst ganz ohne Konkurrenz, bleibt doch das Schienennetz beim Börsengang in steuerbewährter staatlicher Hand. Das hilft Geld sparen, wenn auch die Nichtbahnfahrer Dank üppiger Staatsquote in die Solidargemeinschaft „Bezahlt Bahn“ aufgenommen werden und mit ihrem Steuerbeitrag für die Instandhaltung bereits mit Steuermitteln gekaufter Gleise sorgen. Nötiger Freiraum für die Aktionäre, denen damit eine marktfähige Rendite garantiert werden kann, ähnlich der Post Aktie, deren Pensionsrückstellungen sich aus vergleichbaren Gründen auf der Habenseite der Bilanz wiederfanden bis dereinst die Pensionierungswelle anrollt. Gut dem, der dann weit weg in einem Bahnabteil mit seinem bei Ebay ersteigerten OnewayTicket die Republik bereist und kein Geld für Aktien hatte. Doch Bahnfahren ist nicht nur schlecht, es ist auch furchtbar. Zumindest für das Opfer zahlenbasierter Misswirtschaft, nämlich die Pendler. Ein Klagelied auf diese bedauernswerte Randgruppe der heutigen Mobilgesellschaft anzustoßen, hieße Eulen nach Athen zu tragen, am besten mit den von der künftigen Bahn AG zu kaufenden Logistikunternehmen. Dafür tingeln die Herren Mehdorn und Sack (Finanzvorstand) gern mal durch Asien, wo kollektive Massenpendlerhaltung und organisiertes Befüllen bereits überquellender Wagons zum Alltag gehören. Vorteilhaft, dass eine solche Reise per Flugzeug zu absolvieren war, auf dem Weg von München nach Kiel wäre das vermutlich schief gegangen, so denn der ICE über Nürnberg hätte fahren müssen, weil sich wieder einmal Kühe auf den Gleisen befanden oder eine Signalstörung Deutschland lahm legt.
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Urlaubszeit
Juni 29, 2008
Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Zumeist was alles nicht geklappt hat, angefangen vom Stau kurz hinter der Garage bis knapp vors Wienerwaldrestaurant in Trient. Dann das Quartier, 4 italienische Sterne, Standard Besenkammer für Selbstversorger mit Haustieren. Die allerdings können krabbeln und fliegen, lassen sich aber nur ungern an die Leine legen. Der Herbergsvater war Mussolinis Nachbar und lacht heute noch über dieses Weichei. Ab 6 Uhr morgens wird zurück geschossen, zumindest vom neben der Feriensiedlung gelegenen Stahlwerk, das mit der 6 spurigen Autobahn oberhalb des Wohnbungalows verbunden ist. Gute Anbindung stand auch im Katalog. Mit der Suche nach dem Strand beginnt das eigentliche Abenteuer des Urlaubs. Baustellentrekking und Nordic Walking entlang der Sondermülldeponie vorbei an früheren Wäldchen, Seen und praller Natur. Aus einer Zeit, als die Prospekte gedruckt wurden. Wer gern unter Menschen ist und Nähe auch in überfüllten UBahnen ohne Klimaanlage liebt, fand hier das Paradies auf einem Streifen von 10 Metern ehemaligen Strandes vor einer dank der Industrieabwassereinleitung 36 Grad warmen Adria. Eine farbenfrohe Landschaft versprach das Prospekt und muss die Handtücher gemeint haben, die den Sandstreifen vollständig vor zu starker Sonneneinstrahlung schützten, selbst geschützt durch ungeschützt liegende Körper weißer und wohlbeleibter Urlauber, die man noch vom letzten Jahr her kennt. Da schafft mancher im selben Werk, aber es ist auch schön ein wenig Heimat vorzufinden. Wer in einem all inklusive Hotel unterkommt, ist da schon privilegiert und berichtet meist, wie peinlich wieder die Deutschen alle Poolplätze mit Handtüchern belegt hatten, so dass man selbst nicht wusste, wohin man sein Hotelbademantel vorm Frühstück legen sollte. Die Stimmung ist ausgelassen, mal gewinnen die ortsansässigen Italiener, mal die Jungs aus Castrop-Rauxel. 2 Wochen sind lang genug, um Prellung und Blutergüsse wieder heilen zu lassen. Manche Zahnlücke bleibt Reiseerinnerung, die aufkommt, wenn man sich mit seinem Strandnachbarn im heimischen Reihenhausgartenstreifen die Fotos des gemeinsamen Sommers anschaut und im Kalender fürs nächste Jahr sicherheitshalber schon mal 2 Woche im August blockt.
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