Donnerwetter

Juli 14, 2008

Trübsal blasen ist die am wenigsten erotische Form oraler Unterhaltung und führt in der Regel zu Schwermut, Weltschmerz und anderen deutschen Untugenden. So düster wie ein grauer Sommerregentag, dessen einziger Lichtblick der aus den beleuchteten Fenstern der Daheimgebliebenen ist. Wetter, der Anfang vom Ende und die jährlich enttäuschte Hoffnung auf die Klimaerwärmung. Statistisch führen graue Novembertage die Selbsttötungsquote an, doch wäre es nicht leichter, sich an einem schwülwarmen, trostlosen Julitag von der Brücke ins 35 Grad warme Industrieabwasser zu stürzen, als sich im November nach Feierabend und tristem Couchsitzen nochmals aufzuraffen? Auch eine Zumutung für die Rettungskräfte, denn auch die wollen in der nasskalten Jahreszeit nicht zwingend länger als nötig vor die Tür. Da liegen der Griff zur Flasche und Gewalt innerhalb von Familien nah beieinander und der Samen für Völkermord und Genozid sind gesät. Nun können Menschen von Luft und Liebe allein kaum überleben, aber etwas Sonnenlicht täglich hebt Stimmung und Gemüt und sorgt damit mehr für den Weltfrieden als Nato, Unesco und Uefa zusammen. Rechnet man mit einer durchschnittlichen Lebenszeit der Sonne von 4 Milliarden Jahren bleibt genug Zeit für die Errichtung des Paradieses hier auf Erden, ohne ein ominöses und von Religionen zersetztes Jenseits bemühen zu müssen. Wichtigstes Utensil zur Erreichung dieses Zieles ist richtige Kleidung und ein Handtuch, falls jemals vor der Zeit die Erde einer intergalaktischen Autobahn weichen müsste. Bedenkt man diese Tragweite, sollte Schluss sein mit dem ewigen Jammern über Temperaturschwankungen, Hitzerekorde, Schneemangel und Hochwässer infolge von Monsunregen in der Sahara. Wetter sollte nicht als profanes Smalltalkthema verheizt oder als Ausrede für das Ende eines verpfuschten Lebens missbraucht werden. Wetter ist vielmehr der Kleber, der die Existenz ans Dasein heftet und das Oben mit dem Unten verbindet, betrachtet man es philosophisch. Auf einen Nenner gebracht: Kräht der Hahn auf dem Mist, ändert sich das Wetter, oder es bleibt wie es ist.

Wetter Blog

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grüner Daumen

Mai 2, 2008

Mühsam zwängt sich Licht hinter den Wolken hervor, Schatten werden länger und das Grau weicht aus manchem der Gesichter, die eisern seit Februar die Biergärten bevölkern auf der Suche nach dem nächsten Jahrhundertsommer. Der April schwindet und mit ihm die Leere auf deutschen Balkonen. Sie löst die in den diversen Gartencentern ab, die bleibt, wenn die Armee der Klein- und Hobbygärtner wieder abgezogen ist, bepackt mit den Utensilien zum Erschaffen von Leben. Hat Gott hierfür noch 6 Tage benötigt, schaffen es Karl-Heinz von Gartenparzelle E28 oder Gisela aus dem zweiten Stocke mit Balkon der Wohneinheit 72 in fast 4 Stunden, all den Blumen- und Pflanzkram aus dem Kofferraum in die heimischen Beete und Blumenkästen zu verbringen, streng nach dem im Internet ausgedruckten Pflanzplan und hübsch nach Komplementärfarben sortiert. Dieses Jahr stehen politisch korrekter Tibet-Paprika und vom Aussterben bedrohter Zwerg-Sequoia einerseits und andererseits Männertreu und Crassula marginalis, auch “Red Charlotte” genannt, auf der TopTen Liste der Gartencenterinvasoren. Wer hier an die Reaktion von Charlotte Roche auf das eigene erotisch-pornografische Machwerk „Feuchtgebiete“ denkt, hat den heutigen Themenblog noch nicht besucht. Denn dann wüsste der Blumenkasten-Napoleon, dass es sich hierbei um eine zarte Nutzlosigkeit in Rote-Beete-Rot für den Südseitenbalkon handelt. Geeignet aber auch für Fensterbank, Lichtschacht oder hinter den Papiertonnen im Hof. Da lacht des Botanikers Herz über soviel im Frühjahr aufgebrachte Liebe, die spätestens in 8.000 Meter Höhe auf dem Flug ins hawaiianische Urlaubsparadies ein jähes Ende nimmt. Dass der Benjamini pünktlich mit dem Ende des Jahresurlaubs ausgetauscht gehört, ist man ja gewöhnt. Doch dass auch Zwergbirke und japanischer Edelhibiskus Wasser benötigen, war ein alle Jahre wiederkehrendes Novum. Doch nichts ist schöner, als regelmäßig zum Gartencenter seines Vertrauens zu pilgern, außer vielleicht zum Baumarkt oder zu IKEA, denn dort gibt’s bekanntlich auch Pflanzen.

Gärtnerblog

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