Fremdschämen mit Dieter Bohlen
Januar 24, 2009
Da suchen sie wieder im gefühlten 100sten Jahr der auf den Hund gekommenen Fernsehunterhaltung nach Deutschlands Superdepp mit Arsch und Stimme, breiter Brust oder zwei davon und ein bisschen verrucht, damit’s dem Dieter den Vogel raus haut und er zum Recall bläst, besser blasen lässt. Die Frischzellkur im Grand Hotel mit Susi Schmitt von der Supermarktkasse und Erkan Krause aus dem Jugendknast, für die die Bretter der (Musik)Welt nicht nur die Erfüllung von Sozialauflagen, sondern auch mindestens für 7 Staffeln Endausscheidung DSDS ein warmes Mittagessen versprechen, läuft wieder. Und ausgeschieden wird da eine Menge halbverdauerter Wahrheiten über den sozialen Niedergang des Landes und die Art, Programmgestaltung fern von Respekt und Interesse zu betreiben, aber auch von Tönen, die die Welt weder hören, geschweige denn sehen müsste, wäre nur Fremdschämen nicht so schön. Willkommen im TV-Zoo mit den bedauernswerten Hoffnungsträgern der deutschen Plattenindustrie, die notleidend sich an jeden Strohhalm klammert, auch wenn dieser weder Freunde noch einen Spiegel zu Hause zu haben scheint, denn anders lassen sich einzelne Kandidaten und deren Selbstwahrnehmung beim Casting um Deutschlands kommerziellste Stimme nicht erklären. Grand Canyon Bohlen und austauschbare Jurystaffage lassen die Löwen los und sehen den Grenzerfahrungen einzelner Zeitgeistsklaven im lauschigen Resopalambiente der DSDS-Casting-Arena zu und heben oder senken den Daumen je nach Regieanweisung aus dem Off, denn mancher Kandidat ist so peinlich, dass er der Einschaltquoten wegen unbedingt ein zweites Mal dem Volk vor die Füße geworfen werden muss. Von Volksmusik bis zum Nachsingen bereits unbekannter oder unidentifizierbarer Popfetzen reicht die stimmlich meist dünne Bandbreite der zu castenden Schlaganfallpatienten. Es sind nicht die berühmten 15 Minuten, um die hier die Opfer gelangweilter Mediennutzer buhlen, sondern der Kick, den weder GangBangs auf Homeparties noch Klebstoff aus Polen vermitteln können, und auch Mutti ist so ergriffen vom Talent ihres Nachwuchses, dem zwar die Schule keinen Spaß macht und eine Ausbildung egal ist, aber dieser Auftritt die Türen raus aus HartzIV in die Welt der Schönen, Reichen und Koksbesitzer öffnen soll, wo Mutti dann in der Popstar-Villa putzen kommen darf. Damit ist DSDS eine wichtige soziale Stütze unserer Gesellschaft und sollte regelmäßige Bußgeldzahlungen von Staatsanwältinnen, deren Töchter auch gern mal Herrn Bohlen einen blasen, äh singen wollen, zugewiesen bekommen. Wer die singenden Helden der Fußgängerzonen, Gemeinschaftsduschen im Stadtbad oder deutschen Ausnüchterungszellen sind, erfahrt ihr im:
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Kleiner Hai Dim Dim
Juli 11, 2008
Mit kleinen Geschenken fängt man Mädchen, mit kleinen Mädchen jedoch Haie. Dass aber auch der Hai mal klein angefangen hat, lehrt uns derzeit ein Kinderlied, das die Charts stürmt und auf eine Art schwachsinnig ist, dass die Nation Kopf steht. Die 18-jährige Alemuel hat in einem privaten After Party Video nach durchzechter Silvesternacht fern ab von Zivilisation und gutem Geschmack die Zeichen der Zeit erkannt und das Medium Internet für ihre Warhol’schen 15 Minuten genutzt. Launige Zeilen zu einer nervtötenden Melodie in eine wackelige Kamera gelallt und der Sommerhit 2008 war im Kasten und nach nochmals 5 Minuten bei youtube hochgeladen. Geschätzte 12 Milliarden Uploads später war das Video bei 2,5 Millionen Klingeltonnutzern bekannt und youtube um dutzende Werbekunden von Iglo bis Greenpeace reicher. All das nur um einem Testosteron geschwängerten Jungmann zu beweisen, wer bei den heutigen Partykids die Eier in der Hose hat. Der Punkt ging klar an Alemuel, die sich seitdem kaum noch im Fischrestaurant ihres Vertrauens blicken lassen kann, ohne für die Überfischung der Meere verantwortlich gemacht zu werden oder Autogramme zu geben. Kurz nachdem der erste Hype vorüber war, kam auch die Musikmafia drauf, dass bei youtube nicht nur geistiges Eigentum verramscht wird, sondern neue Einnahmequellen schlummern, und EMI bot Alemuel einen Plattenvertrag, einen Auftritt bei THE DOME und eine gratis Homepage an. Auf dieser blogt das Mädchen, das dem Hai davon geschwommen ist und eine Nation zum rhythmischen Klatschen in die Hände veranlasst hatte. Zusätzlich finden sich Video, Kurzvita und anderer Kram, den keiner braucht, wenn er den Spot als Bildschirmschoner auf dem Handy hat. Wem das allerdings alles zu blöd ist, kann sich ja bei Anne Will als Talkgast ins Studio setzen oder in seinem CD Regal nach dem Sommerhit 2006, Schni Schna Schnappi suchen, an dem wenigstens nur 6jährige erkrankt sind.
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Ohrwurm
Juni 2, 2008
Jonny Cash hat mit wenigen Noten und noch weniger Text im Kopf, aber Musik im Blut auch erst Klinken als Vertreter geputzt, bis ihm ein Tonstudio die Tür vor der Nase zuschlug. Nicht mit ihm, denn wenn er schon nicht besonders spielen konnte, musste er singen und das gelang ihm wohl ganz gut, zumindest kennt man mehr Lieder von ihm als Haushaltsartikel, die nach ihm als bestem Vertreter in Memphis, Tennessee benannt wären. Doch wie er, schwitzen auch heute noch Musiker Blut und Wasser auf manchem ihrer vielen Auftritte zwischen Großvaters 80. Geburtstag und der Echo-Verleihung. So funktioniert das Business. Im besten Fall klatschen ausreichend viele rhythmisch in die Hände und verschwenden Stunden täglicher Arbeit darauf, das nötige Kleingeld für glänzende Tonträger aufzutreiben oder downloaden in russischen Saugstuben ihre CD nach Wahl. Ersteres bezahlt Haus, Limousine und Freundin, oder auch zwei, Häuser natürlich. Letzteres zieht den Musiker aufs Niveau seiner Fans in die Mittellosigkeit herunter. Neben all den Klischees von Sex, Drugs und Rock’nRoll füllen eher muffige Tourbusse und fades Fertigessen den Tageslauf als wechselnde Beischlafgroupies in namenlosen Städten, verschwitzen Gardaroben oder stickigen Konzertsälen. Da sind doch gelegentliche Nummer 1 Hits in den TopTen der zwei Discotheken von Mecklenburg-Vorpommern neidlos gegönnt und ab und zu ein Blowjob von einem der örtlichen Pfadfinder wechselnden Geschlechts erst recht. Jeden Tag eine gute Tat. Ja für die eigene Überzeugung alles aufgeben und der Leidenschaft Opfer bringen, das können nur Vollblutkünstler oder Musiker ohne Schulabschluss. Anders sind die zahlreichen Castingsshows für die Band des Jahres, Jahrzehnts und Jahrhunderts oder für den geilsten Arsch auf der Bühne nicht zu erklären. Da singt nicht, wer zum Singen geschaffen wurde, sondern wer es schafft, die Jury am wenigsten zu quälen. Für den Rest verbleiben BigBrother, Schlag den Raab oder die Wagner Festspiele, dort aber in entsprechendem Abstand zur Bühne. Doch nicht alles, was im Radio endet, hat das auch verdient. Die Klinke medialer Information über Musik, Musiker und alles, was Töne von sich gibt, putzt unser heutiger Blog-Tipp und sagt Danke fürs (Feed)-Abo.
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