Mädchenmannschaft

Juni 5, 2008

Die großen Zeiten der Frauenbewegungen spielen sich heute nur noch in den Fotoalben von Singlefrauen kurz vor der Pensionierungsgrenze oder auf Bühnen der Lesetour von Charlotte Roche ab. Der Rest holder Weiblichkeit lebt ihre Emotionalität aus, bevölkert Laufstege oder unterwirft sich in Castingsshows dem Drill anderer Emanzen, deren Mann beim Singen Zähne zieht. Kein Wunder, dass es vorbei ist mit einer „vagina dentata“, der alles Männliche verschlingenden Urgewalt emanzipierter Frauen, die wirklich böse Möse, die heute zahnlos und rasiert dem blasierten Äffchen von Mann zu Willen ist oder sich von ihrer Freundin zur Latte Macchiato, der einzigen heute noch erlaubten männlichen Zweideutigkeit begleiten lässt. Das ist der Sex der Neuzeit, bei dem kein Mann mehr Kastrationsängste beim ersten Kontakt mit dem hinter dichtem Wald versteckten außerirdischen Gemüse des jeweils anderen Geschlechts haben muss. Körpergeruch, primatenhafter Wildwuchs oder unkontrolliertes Paarungsverhalten freier Liebe sind Attribute einer Zeit, als Mutti und Vati noch lange Haare trugen, Rauchen danach Pflicht und der Roller der VW des kleinen Mannes waren. Heute in einer Zeit, in der Fahrräder teurer sind als chinesische Kleinwagen, haben Lady-Shaver das Feuerzeug in der Handtasche abgelöst und Körpergeruch heißt „She“, „Paris Hilton“ oder „David Beckham“, je nach Frau und persönlicher Note. ER wird zur besseren Freundin und Männer heißen Bruce, moderieren Modesendungen oder gestalten Kindertagesstätten in den Farben der Saison. Schwere Zeiten für ein bisschen Schweiß nach dem Holzhacken bei minus 30 Grad im Hof. Nicht nur Oli Kahn ging in den Ruhestand und mit ihm einer der letzten Gründe für die Emanzipation, sondern auch der Unterschied zwischen Kater und Katze. Die Pussy von heute geht shoppen, trifft sich zum Tee oder hat mindestens drei Livestyle Magazine abonniert, während seine Freundin auf Tantra-Seminaren lernt, dass körperlicher Sex überschätzt wird und es ihm besser geht, wenn Frauen mehr verdienen als Männer, um die evolutionären Ungerechtigkeiten des gefährlichen Mammutjagens wieder gut zu machen. So bleibt der letzte Ort echter Kerle der Fußball, wo sich Männer noch in den Armen liegen und hemmungslose weinen dürfen, wenn Frauen Fußballweltmeister werden.

Emanzen Blog

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s. aber auch den Rest vom Reisetagebuch “Tourismus 2.0

Babyboom

Mai 23, 2008

Wer Single, weiblich und über 30 ist, sollte einen Platz auf dieser Erde dringend meiden, nämlich IKEA. Das ist kein Platz für alleinstehende Ex-Lebensabschnittpartnerinnen mit der irren Hoffnung, schlaflose Nächte infolge bauchwehgetriebenem Geschreis erdulden zu wollen. Denen verbleiben Großraumdiscotheken mit wechselndem GV. Dafür können diese Frauen sich regelmäßig bessere Regale als diese tröge Billyserie leisten, aber wozu, es gibt keine Bauklötzer, Legosteine, Malbücher oder Comicfiguren darin aufzubewahren. Wer dennoch nicht von Kindern lassen kann, dem sei ein Besuch in einem beliebigen Straßencafé, Biergarten, schicken Restaurant oder beim Allgemeinarzt empfohlen. Denn kaum hat man sich gemütlich niedergelassen, lässt fröhliches Babygeschrei einen Tisch weiter das eigene Weinglas zerspringen und die Sahnesoße zur Edelpasta sauer werden. Oder die Schmerzen im Knie weichen denen blutender Ohren, ganz nach Ort und Zeit. Und sollte besagte Singlefrau aus Zeile 1 die graue Weltschmerzzeit von November bis April ohne ernste Brückensprungpläne überstanden haben, erreicht sie beim Spaziergang im ersten Sonnenstrahl des Jahres der nächste Tiefschlag. Schwangere, wohin sie schaut. Keine Bank im Park, die nicht von mindestens zwei Personen bevölkert ist, seien es junge Paare oder werdende Mütter mit Kuhaugen und Jogginghose. Was muss das Wetter im Herbst schlecht gewesen sein oder die Ehen fad, wenn der Ruf nach einem Stammhalter gleich von der halben Nation erhört wurde. Die andere Hälfte hat entweder die schlaflosen Nächte schon hinter sich, tut alles dafür, dieses gar nicht erst erleben zu müssen oder annonciert unter „Frühlingsblume sucht Biene“. Liebe hormongeschüttelte Frauen, Großfamilien werden überschätzt und alleinerziehende Kinder haben es schwerer als andere, sofern es andere noch gibt. So dankt, dass ihr noch jeden Sonntag zu Muttern und Kaffee mit Wäschekorb und Blumenstrauß reisen dürft und von Besuchen dieser Art selbst verschont bleibt. Für den Rest gibt’s den heutigen:

Baby Blog

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Fenster zum Hof

April 16, 2008

Blog ist ein Tagebuch, ist ein Tagebuch, ist ein Tagebuch. Wieso kapiert das keiner und quält die Welt mit praktischen Informationen, aktuellen News und sachlichem Inhalt? Wir wollen Trash, wollen hinter die Vorstadtgardinen schauen und die uns unbekannten Kinder aufwachsen sehen. Jede neue Blüte am heimischen Handtuchgartenkirschbaum, jede frisch gestrickte Socke, Löcher in der Hose der Tochter und der Herzschmerz des Hundes, das will man in Blogs lesen und nicht, was Angele Merkel von der Welt im Allgemeinen und von Nicolas Sarkozy im Speziellen hält. Hier interessieren uns höchsten neue Bilder von Carla Bruni.

Anders im heutigen FrauLiebeBlog. In diesem medialen Handtascheninhalt wird man(n) noch fürs Surfen im Netz belohnt, da tobt das Leben und die Prioritäten sind richtig gesetzt. „Die braunen Stiefel sind nicht besonders Kindergartentauglich.” Den Pulitzer-Preis für diesen Satz und einen Kommentar, was frau damit meinen mag. Doch es klingt nach echtem Leben, nach Problemen, die zu lösen, ein Menschenleben überfordern, zumindest das eines Mannes. Nicht unerwähnt bleiben sollen all die bezaubernden Fotos aus dem Leben dieser Außerirdischen von nebenan, eine Sammlung wilder Alltagsromantik und mein Fenster zum Hof. Wer 1987 noch gegen die Volkszählung in Deutschland auf die Straße ging, lässt heute die Wohnungstür zum eigenen Leben sperrangelweit offen und lädt zu Selbstgebackenem, dessen Foto selbstverständlich geblogt wird, Diät hin oder her. Denn was oben rein geht, muss unten wieder raus und ist Teil liebenswerten Exhibitionismuses, der in einer einfachen Kinderzeichnung gipfelt:

“Geeske macht Kacka”.

Frau Liebe Blog

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go feminin

März 5, 2008

Entdecken Sie die weibliche Seite in Ihnen oder finden Sie Geschlechtsgenossinnen, die sich mit Ihnen auf der Seite der aufgeklärten Frau zwischen Gewichtsproblemen und Sexualfantasien geborgen fühlen. Eine Flut in rosa getauchter Blogeinträge aus aller Frauen-Länder oder Ländlichkeiten, wenn man die Haushaltstipps und –themen zusammenzählt. Natürlich mischen sich nicht nur unter die Kommentatoren zahlreiche Männer, auch Blogger wurden unter dem Label „go feminin“ gesichtet, meist in entrückter Darstellung erträumter Quickies mit Büroputzkräften oder schwedischer Kunststudentin als Nachbarin. Billig sagen Sie? Nein, vielmehr Ausdruck der Vielschichtigkeit der Menschen und Männer, die neben Bindehautgewebeschwäche und Einkaufstipps um ihre Daseinsberechtigung kämpfen. Das hebt sich dann wohltuend von den zahllosen Einträgen mit „cat-content“ ab, also Berichten aus dem Leben und Leiden der eigenen Katze, die verziert mit Bildern, die die Welt erfreuen, die Seite zum Paradies auch für Kleintierliebhaber machen. Gewürzt mit ein paar sehr persönlichen und äußert privaten Einblicken in das Beziehungsleben einzelner Bloggerinnen, deren Tagebuchschmachtfetzen nichts ohne die psychologisch fundierten Kommentare ihres Freundinnenkreises wären, wird diese Seite zum Augenschmaus für Menschen, deren Liebesleben zwischen Windelwaschen und Schwiegermutterbesuch feststeckt.

go feminin

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jottwehdeh

März 3, 2008

Wussten Sie, dass bei den Damen in Reichenow gerade der Patentschnitt für eine Wollmütze mit drei Ecken die Runde macht? Nein? Sie sollten aber. Das und viel mehr entnimmt man nämlich meinem heutigen Lieblingsblog aus den Tiefen des Taz-Blog-Archivs. Hier schreibt Imma Harms, ihres Zeichens Ex-tazlerin und 30 Jahre lang leidenschaftliche Kreuzbergerin, die heute auf dem Gutshof Reichenow, einer Stadtkultur-Enklave von 30 KünstlerInnen in einem Dorf am Rande des Oderbruchs, lebt. Eben jottwehdeh. Aber wer denkt, dort ist die Welt zu Ende, der scheint zu irren. Zumindest ließe sich mit den geblogten Tagebuchnotizen von Frau Harms ein Buch vom Umfang der gelben Seiten füllen, zumindest der von Reichenow.

Ein Wollfaden ist eigentlich nicht dick, auch ein dickerer nicht. Er ist vielmehr flauschig. Das heißt, wenn man den Wollfaden lässt, wie er will, plustert er sich auf; die Fasern gehen auf Abstand zueinander und lassen Luft zwischen sich. …
Das sind Sätze, wie ich sie gern lese. Wozu in Tageszeitungen nach redaktionellen Lügen suchen oder sich in Weltverschwörungen verlieren, wenn man mit wenigen Zeilen soviel Freude und heile Welt erzeugen kann. Dem bleibt die Autorin treu, egal, ob sie über die Farbe und Macken ihres Fahrrades oder über den Geschmack von Walnüssen referiert: “Die Walnuss schmeckt zart-süß und fein-herb, eine Spur bitter im Nachgeschmack, nussig im Ganzen.

Eine wunderbare Seite zum Abschalten vom täglichen Einerlei und Zurückbesinnen auf die wirklichen Werte im Leben. Vielen Dank.

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