Ein Herz für Tiere
Dezember 25, 2008
Da sitzen sie wieder, die süßen, zu groß gewordenen Traumkuscheltiere und frieren angebunden an Autobahnrasstätten oder Parkplatztoiletten. Von Herrchen und Frauchen verlassen, die sich wieder auf die Schule vorbereiten müssen und keine Zeit mehr fürs Weihnachtsgeschenk vom letzten Jahr haben. Da war das kleine Knuffeltier ja auch noch süß und tapsig und roch ganz frisch nach Muttermilch, von deren Zitzen es Wochen zu früh hinweg gerissen wurde, um als neues Familienmitglied Karriere zu machen. Doch auch dieses Stofftier musste mal vor die Tür und das bei Wind und Wetter, was die Begeisterung schmälern half. Als Lerntherapie für die einen, bald lästige Pflicht für die anderen, konnten Hector, Purzel oder Pussy keiner Seite gerecht werden. Was also blieb Eltern, die das Verantwortungsgefühl von 6jährigen überschätzt hatten, anderes übrig, als die armen Tiere vor Tierlaboren zu schützen und auszusetzen. Es ist ja bekannt, das Menschen mit mehr Zeit und Platz regelmäßig angebundene, ausgewachsene und unbekannte Hunde an Parkplätzen auflesen und mitnehmen. So bleiben Gewissen und Ledercouch rein, und das Kind bekommt einen Hamster, der stirbt nach spätestens zwei Jahren. Tiere unterm Weihnachtsbaum, ein Klischee, das die Firma Steiff einst reich machte. Heute profitieren polnische Züchtervereine, denen Tierschutz und Ausbildung in der Aufzucht und Haltung von Haustieren nicht im Wege stehen. Versandfertig in zwei Tagen und Widerruf bis zwei Wochen nach Erhalt, regelmäßige Fütterung vorausgesetzt. So macht Shopping richtig Spaß, vor allem, wenn man gemütlich am heimischen PC in all die herzigen Kindchenschemagesichtchen der felligen Schmusetiere blicken kann. Da werden Kinderaugen groß, Mütterherzen weich und Vätergeldbeutel leer, halt etwas für die ganze Familie. An den Halsbändern läuten kleine Glöckchen Jingle Bells und das Kind ist mindestens zwei Tage glücklich, was die Eltern die Feiertage erst richtig genießen lässt. Wie oft hört man Eltern später seufzen, dass der Nachwuchs ihnen langsam über den Kopf wächst und wie schön es war, als man den kleinen Hosenscheißer noch auf dem Arm herum tragen konnte. Naja, in die Hosen scheißen sie eher selten, eher auf, doch herumtragen ließen sich viele der fünften Räder am Familienwagen gut und gerne 14 Jahre lang. Wer diese Zeit erübrigen kann, ist auf dem Tierschutz geprüften und artgerechten Haustierblog richtig und soll in der Hölle schmoren, wenn das Fellknäul zwei Meter groß im nächsten Jahr am erstbesten Hydranten angekettet wird.
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Kinderhand macht bunte Wand
Dezember 12, 2008
Es ist Bastelzeit, Weihnachten steht vor der Tür und tausende von Eltern und Großeltern wollen beschenkt, beglückt und zugemüllt werden mit von pummligen Kinderhänden windschief aufgeklebten Papierschnipseln und wackeligen Fotos mit abgeschnittenen Köpfen. Wunderbar. Herzige selbstgemalte Bilder voller Gleichgültigkeit gegenüber Farben, Formen und Inhalten zeigen, dass Kinderherzen frei von ästhetischen Zwängen sind und voller Lebensfreude, die mit den Jahren und dem Anstieg materieller Wünsche stetig abnimmt. Es ist lustig, wenn die Mama groß wie das hingekritzelte Hexenhaus ist, der jüngere Bruder an den Bildrand gequetscht wurde und Papa als schwarzer Barträger mit langen dünnen Fingern als Fremdkörper im Farbenmeer von gelbem Sonnegesicht und rotblauer Wiese dargestellt wird. Ja, das ist ein Pferd, keine Fußbank mit Ohren und einem Stock im Hintern. Und die Vögel fliegen ungefähr 5 Meter groß durch den sich ewig kringelnden Rauch, der aus dem viele Kinderbilder zierenden Schornstein entweicht. Kinderhand und Kindermund, wer das vermeidet bleibt gesund, aber auch wenig unterhalten. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt, außer vielleicht dem nur gering ausgeprägten Renovierungsbedürfnis mancher Eltern, die die Wahl zwischen einem mit Knetmasse und Malstiften ruhiggestellten Kind oder einem ästhetisch schönen Zuhause haben. Beides geht nicht, aber bunte Striche an allen Wände in der Höhe deutscher Wachhunde oder allerlei munter in die Couchritzen verschmierter Bastelkram zeugen von einem regen Familienleben. Erlebnispädagogik auf dem Abenteuerspielplatz des heimischen Wohnzimmerteppichs, den es alle 2 Jahre auszutauschen gilt, doch anders wäre IKEA auch nie zu Ruhm und Reichtum gekommen. Fettmalstifte zwei Euro, Seidentapete 150 Euro, große Kinderaugen beim Betrachten der farbenfroh verschönerten Wandverkleidung unbezahlbar, denn damit ist das monatliche Kindergeld aufgebraucht. Wer sich eine weiße Ledercouch leistete, ahnte beim Kauf entweder noch nichts vom anstehenden Kindersegen oder hat es nicht anders verdient. Bestenfalls hoffen Besitzer von Kinderhand verzierter Möbelstücke auf die Entdeckung des kleinen Genies als neuem Damien Hirst und stellen die dem eigenen Schönheitsempfinden diametral gegenüber stehenden Kunstobjekte erst einmal auf den Speicher. 20 Jahre später kann solches die Rente sichern helfen, denn Kunst hat immer Konjunktur. Zur Ausbildung künftiger, in schwarzen Rollkragen gekleideter Vollversorger und Lichtpunkte am abstrakten Kunsthimmel dient das richtige Equipment, das auch Eltern der Generation Holzspielzeug und anthroposophischer Farblehre überzeugen dürfte. Selbiges findet sich im Scrapbookladen unter der anschließend verlinkten Adresse.
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Sommerzeit – Weihnachtszeit
Oktober 10, 2008
Schöner die Glocken nie klingen und das seit Ende August. Weihnachten steht vor der Tür eines höchst herrschaftlichen Hauses, in dem der Gang zum Kamin und reichgeschmückten Tannenbaum fast 4 Monate dauert. Der falsche Hase vom Osterfest wird durch Lebkuchen und anderes Festgebäck in den Auslagen der Supermärkte ersetzt, wo sommerlich gekleidete Menschen munter ihre Grundversorgung sichern. Doch wo bleiben die Weihnachtsmärkte in der Nähe der Badeseen? Noch verstecken sich diese ab Mitte September in Möbelhäusern oder bei Fabrikverkäufen im Erzgebirge. Das wäre nur konsequent, kauft man doch auch seine Pudelmütze im Sommer, um beim ersten Schneefall nicht auf das Badebekleidungsangebot beschränkt zu sein. So hat man auch ausreichend Zeit, die hektische Betriebsamkeit der Dezemberwochen auf mehrere Monate auszudehnen, um am Vormittag des Heiligabend unruhig durch völlig überfüllte Innenstädte zu irren auf der Suche nach einem hübschen Strohhut oder bunter Badematte. Kein anderes Ereignis lässt die Relativität der Zeit deutlicher erkennen, denn Christstollen im August ist relativ früh, doch Weihnachten selbst kommt dann doch immer relativ überraschend, mit der Folge, dass die lieblos zusammen gerafften last-minute-Geschenke kaum als Überraschung taugen. Zumindest das Geschenkpapier ist originell, nachdem sämtliche Weihnachtsmotive für die unterjährigen Geburtstage der Lieben aufgebraucht wurden. Auch das Singen unterm Baum wird zur Qual der Wahl, hat man doch die aktuellen Wiesnhits des letzten Oktoberfestbesuches noch im Ohr oder übt bereits für die anstehende Karnevalsaison. In Zeiten des Klimawandels ist die Verbindung Weihnachten gleich Schnee gleich Winter und stille Zeit brüchig geworden und lässt eine Ahnung aufkommen, wie man das Fest der Liebe in Ländern südlich des Äquators begeht, wenn es heißt, die Palme ist geschmückt. Allerdings wird bei diesen sich ändernden Festgewohnheiten der Beruf des Santa Claus zum Volltimejob und Risiko, denn nur besonders robuste Naturen ertragen Wintermantel und Rauschebart bei 30 Grad über Null. So sah man Rentiere schon mit hängender Zunge vor Gummiboote gespannte durch Badeseen schwimmen, während der Weihnachtsmann mit dem Surfbrett die Geschenke brachte.
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die Pampers Connection
August 22, 2008
wo ist sie hin die gute alte Zeit, als die Kleinen einem noch süß ihre Ärmchen aus dem Kinderbett entgegenstreckten und das abendliche Baden der Seeschlacht von Trafalgar glich. Kaum krabbelten sie noch von Steckdose zu Steckdose, zogen an Topfhenkeln mit kochendem Wasser und kannten nur den Weg mit dem Kopf durch die Wand, ziehen sie heute zum Studieren um die halbe Welt und schicken gelegentlich Emails, denn Postkarten sind out. Wohl dem, der die wackligen ersten Kinderschrittchen bloggte und für die interessierte Nachwelt erhielt, so es denn eine gibt. Zum Glück scharren sich um diese Heile-Welt-Familien-Blogs zahlreiche andere Gesprächsgruppenbetroffene, die Mitgefangene der unumkehrbaren Lebensplanung suchen, oder denen die eigenen Fratzen über den Kopf wachsen. Ein Kreis von Halbtagsmüttern, die sich zum Rezepte- und Erziehungstippstauschen nicht mehr in einem Café um die Ecke treffen, sondern sich gegenseitig im Beschreiben ihres Familienalltags überbieten, was den anderen halben Tag kosten dürfte und den Traffic in die Höhe treibt. Schön für die Cafébesucher, denen das virtuose Krabbelkindergruppengeschrei so erspart bleibt. Die hohen Trafficraten dieser Leon, Nelly oder Bastian Blogs zeigen, dass der Communitygedanke im sozialen Netzwerk der Blogosphäre funktioniert und Freundschaften über den Lätzchenrand hinaus möglich sind. Es gibt noch mehr wie mich, wird sich manche der ans Gitterbett geketteten Erziehungsmaschinen denken und fröhlich mitlesen, wie sich auch andere Wunderkinder in Supermärkten auf den Boden werfen oder Nachbars Katze den Schwanz anzünden. Geteiltes Leid schafft Gemeinsamkeit und belohnt für die 18 Jahre Opfer, die manche Bloggerin gleich zwei oder dreimal daheim ums Kanapee rennen hat. Und die Zeit vergeht. Doch mit der Rückkehr des nächtlichen Schlafes gehen die Erinnerungen an die ersten Schritte, Worte und den ins Klo gespülten Generalsschlüssel der 70 Parteienwohnanlage verloren, so dass manches Mutter- oder Vaterwesen gern mal in den Archiven der zahllosen „Ich blogge von der Geburt bis zum ersten Schultag“ Tagebücher stöbern wird, wenn die Abende wieder still und voller Freizeit sind, mit der man aber nach fast zwei Jahrzehnten nichts mehr anzufangen weiß.
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Schalom und Servus
Juli 5, 2008
Eine späte Genugtuung muss das für manchen Spätgeborenen jüdischen Glaubens und erst recht für die Handvoll Zeitzeugen der bösen deutschen Vergangenheit gewesen sein, als der Kopf des Führers fiel. Hitlers spätes Ende schien manchem wünschenswerter als die feige, mutmaßliche Selbsttötung 45, auch wenn es sich unlängst nur um eine Wachsfigur in einer Berliner Ausstellung handelte. Wer sagt denn, dass sich nicht auch ein Wachs-Hitler 1945 in den Kopf schoss…auch das war in Berlin, der Kreis schließt sich. Viele Mitbürger jüdischen Glaubens allerdings werden andere Sorgen haben als einen 119 Jahre alten Despoten, der sich in die lange Reihe der Verfolger, Vernichter und Andersgläubigen einreiht, die das jüdische Volk seit dem Ausrutscher am Kreuz auf selbiges nageln wollen. Da wird bereits ein Techtelmechtel außerhalb der jüdischen Mischpoke zur Statusfrage und Lebenskrise, die Familien entzweit und manch stillen Antisemitismus in den Köpfen der Ausgegrenzten gebirt. Weder Milch noch Fleisch, was da ein braver Kipa-Träger so heimbringt und an den koscheren Mittagstisch setzt, zum Unmut seiner einst verfolgten Eltern, pardon Großeltern. Die schlagen heute zurück und erklären den Familienfrieden für beendet, wenn der fremde Smock ihre Kreise stört, vor allem, wenn es konvertierte Fremde sind, weil denen ist ganz besonders nicht zu trauen. So wie der Feind hinter jeder Ecke lauern kann, gut zu beobachten bei der Flughafenkontrolle ins gelobte Land, die eher einem illegalen Grenzübertritt im kalten Krieg ähnelt als einem Europa zugewandten Staatssystem, in dem heute noch Neue Testamente verbrannt werden, wie unlängst in der Kleinstadt Or Jehuda geschehen. Soviel Selbstbewusstsein nach 2000 Jahren Verfolgung, Missachtung und Auslöschung ist lobenswert und sollte Beispiel für all die Völker vorrangig islamischen Glaubens sein, die sich heute noch zurückgestellt und als Menschen zweiter Klasse betrachten. Wo Bücher brennen, gibt es überhaupt erst einmal Bücher und Menschen, die sie lesen können. Wenn das kein Anfang von etwas ist, was in wenigen Jahrhunderten die Tür zu Toleranz, Bildung und Völkerfreundschaft aufzustoßen vermag. Bis dahin verbleibt es jedem einzelnen, sich der jüdischen Gemeinde mit Wohlwollen, Verständnis und mancher Nachsicht zu nähern. Ein beredtes Zeugnis davon legt unsere heutige Bloggerin ab, die die Last und Freude trägt, nicht nur einen Juden zu lieben, sondern auch noch dessen Familie ertragen zu müssen.
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Schnutingers Tagebuch
Juni 20, 2008
Wenn kleine Mädchen zu malen beginnen, machen sie sich ganz viele Gedanken über die Farbe der Sonne und des Grases, ob der Schornstein auf dem Dach des windschiefen Häuschens raucht oder hübsche blaue Wolken bildet, solange der entsprechende Buntstift nicht gerade kaputt ist, sonst sind die Wolken eben rosa. Papa, Mama und der blöde kleine Bruder stehen in ungefährer Hausgröße herum und ähneln einem schweren Verkehrsunfall oder dem Versuch, außerirdisches Leben zu zeichnen. Sprechblasen fehlen meist noch und die Geschichte dahinter ist die Geschichte davor, die das kleine Mädchen in einer rote Flecken auf die Wangen zaubernden Geschwindigkeit hervorsprudelt, sich nicht um Syntax und Satzbau scherend. Wenn die kleinen Mädchen etwas älter werden, werden auch Strichführung und Sprechblase sorgfältiger und nach noch mal 5 cm Körperwuchs entdeckt der wache Betrachter erste Ansätze von Humor und verstecktem Schalk hinter den Kinderkritzeleien. Die Geschichten werden kompakter und setzen sich meist mit all dem täglichen Elend auseinander, das kleine Mädchen um Mittagschlaf und Schulspeisung bringen, denn wer isst, kann sich nicht so gut mit der besten Freundin unterhalten. Wer weniger Zeit in eine vorpubertäre Magersucht investiert oder keine beste Freundin hat, blogt seine bunte Welt und all die blau-rosa Wolken des Alltags. Große Mädchen machen das genauso und malen dazu muntere kleine Bildchen, die an die außerirdische Familie aus Kindertagen anknüpfen. Die Geschichten werden erwachsener und der Winkel der persönlichen Auseinandersetzung mit der Welt im Kleinen und Großen verbreitert sich. Doch auch wenn Taxifahrten zum Statussymbol und morgendliches Frühstück zur Existenzfrage werden, bleibt Pia, unsere heutige Blog-Gewinnerin, ihren kleinen Alter Egos aus der Krabbelgruppe und Kindergeburtstag treu, malt sie und haucht ihnen ein Leben ein, das ich manchen Kindern wünsche.
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