ein Quantum Trost

November 12, 2008

Wer krank ist, geht zum Arzt und wem das nicht hilft zum Bestatter. Der Unterschied ist, dass es bei Letzterem kein Wartezimmer gibt und der Ruf „der Nächste bitte“ pietätlos wäre. Wenn nicht gerade die Titanic auf offener See versinkt, ist das Bestattungswesen trotz oder gerade wegen der Gesundheitsreform ein krisensicheres Gewerbe, denn gestorben wird immer. Nur nicht immer so menschlich, wie es bei dem bloggenden Sargnagel der heutigen Linkempfehlung den Anschein hat. Ob Brandner Kasper oder Bruder Hein, der Gevatter Tod ist ein Misanthrop und übellauniger Geselle, geht er doch über Leichen und macht keine Gefangenen. Umso erfrischender, dass manche seiner little Helper dem Leben näher als der Grube sind und die auf ihrer Warteliste stehende Welt daran teilhaben lassen. Wählerisch darf man als Bestatter vermutlich nicht sein, auch nicht gerade zimperlich beim Abtransport von vor Monaten einsam in ihrer Einszimmerwohnung Verstorbener. Auch die tägliche Freude über Kundschaft dürfte angesichts deren bettlägeriger Mienen kaum offenen zu Tage getragen werden, ein schallendes „Grüß Gott“ wirkt da ebenso deplaziert wie ein warmes „Auf Wiedersehen“. Gut dass man die Rechnungen per Post schicken kann, sich immer der Gefahr bewusst, hierfür wegen seelischer Grausamkeit verklagt zu werden. Ja, vor den Leichenschmaus hat der Liebe Gott und die kommunale Gemeinde das Bestattergespräch mit den Angehörigen gesetzt. Ein therapeutisches Wagnis für beide Parteien, eine Gratwanderung zwischen einem Quantum Trost und 10% Gewinnspanne, Taschentücher inklusive. Aber es ist wahrlich an so vieles zu denken. Allein die Grundsatzfrage „Einäschern oder Verwesen lassen“ hält Wunden offen und lässt Gefühlen freien Lauf, hier heißt es für den Bestatter Humor bewahren, den es bei der Herrichtung der Verstorbenen zu verbrauchen gilt. Kein dankbares Geschäft, der Letzte zu sein, der sich am Verblichenen noch mal die Hand abwischt. Doch dann sind da auch noch die Nachlassverwalter, meist angeheiratete Angehörige, die seit Jahren den Tag herbei sehnen, sich der Altlast des Erblassers zu entledigen und ein Auge darauf haben, dass das notwendige Übel der Bestattung nicht unnötig das Erbe schmälert. Zu guter Letzt gibt es noch die, die vorbereitet sein wollen und sich zu Lebzeiten um Grab und Prozedere kümmern, bestenfalls in Begleitung des zu Versterbenden. Für deren Fragen stehen Blog und Verfasser bereit und bleiben keine Antwort schuldig, egal ob es sich um die Rasur verstorbener Frauenbeine oder den Verbleib zu Tode geherzter Haustiere dreht.

 

BestattungsBlog

 

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