die Pampers Connection

August 22, 2008

wo ist sie hin die gute alte Zeit, als die Kleinen einem noch süß ihre Ärmchen aus dem Kinderbett entgegenstreckten und das abendliche Baden der Seeschlacht von Trafalgar glich. Kaum krabbelten sie noch von Steckdose zu Steckdose, zogen an Topfhenkeln mit kochendem Wasser und kannten nur den Weg mit dem Kopf durch die Wand, ziehen sie heute zum Studieren um die halbe Welt und schicken gelegentlich Emails, denn Postkarten sind out. Wohl dem, der die wackligen ersten Kinderschrittchen bloggte und für die interessierte Nachwelt erhielt, so es denn eine gibt. Zum Glück scharren sich um diese Heile-Welt-Familien-Blogs zahlreiche andere Gesprächsgruppenbetroffene, die Mitgefangene der unumkehrbaren Lebensplanung suchen, oder denen die eigenen Fratzen über den Kopf wachsen. Ein Kreis von Halbtagsmüttern, die sich zum Rezepte- und Erziehungstippstauschen nicht mehr in einem Café um die Ecke treffen, sondern sich gegenseitig im Beschreiben ihres Familienalltags überbieten, was den anderen halben Tag kosten dürfte und den Traffic in die Höhe treibt. Schön für die Cafébesucher, denen das virtuose Krabbelkindergruppengeschrei so erspart bleibt. Die hohen Trafficraten dieser Leon, Nelly oder Bastian Blogs zeigen, dass der Communitygedanke im sozialen Netzwerk der Blogosphäre funktioniert und Freundschaften über den Lätzchenrand hinaus möglich sind. Es gibt noch mehr wie mich, wird sich manche der ans Gitterbett geketteten Erziehungsmaschinen denken und fröhlich mitlesen, wie sich auch andere Wunderkinder in Supermärkten auf den Boden werfen oder Nachbars Katze den Schwanz anzünden. Geteiltes Leid schafft Gemeinsamkeit und belohnt für die 18 Jahre Opfer, die manche Bloggerin gleich zwei oder dreimal daheim ums Kanapee rennen hat. Und die Zeit vergeht. Doch mit der Rückkehr des nächtlichen Schlafes gehen die Erinnerungen an die ersten Schritte, Worte und den ins Klo gespülten Generalsschlüssel der 70 Parteienwohnanlage verloren, so dass manches Mutter- oder Vaterwesen gern mal in den Archiven der zahllosen „Ich blogge von der Geburt bis zum ersten Schultag“ Tagebücher stöbern wird, wenn die Abende wieder still und voller Freizeit sind, mit der man aber nach fast zwei Jahrzehnten nichts mehr anzufangen weiß.

Familien Blog

artwork

 

5 Antworten zu “die Pampers Connection”

  1. amidelanuit sagte

    heile welt familien blog? meiner? ich glaube, sie haben nicht ordentlich gelesen. lesen sie sich doch mal bitte die einträge zwischen august letzten jahres und sagen wir mal april diesen jahres durch…..und lesen sie sich mal meine verzweifelt ehrlichen post über trotz durch, über erziehung im allgemeinen, über schlaf….

    bitte aufmerksamer lesen, bevor man solche sachen verfasst!

  2. artwork sagte

    glaube kaum, dass ich es ertragen würde, mir 9 Monate Familienblogs durchzulesen, ohne Alpträume zu bekommen…aber keine Sorge, ich habe hier keine heile Blog Welt beschrieben… sondern lediglich auf diese überraschend breite Anzahl von Kleinkinder-Erziehungswahnsinn-und langweiligem Mütteralltag Blogs aufmerksam machen wollen.

  3. June sagte

    so teilt sich dann wohl die bloggerwelt in langweilige familien-, mütter-, kleinkinderblogs und die die darüber berichten müssen.

  4. artwork sagte

    von „müssen“ kann glücklicherweise keine Rede sein, aber von der Pflicht, in einem Blogreisetagebuch auch eine der trafficstärksten Bloggruppen vorzustellen. Es scheint ein Ventil für eine Vielzahl von Müttern zu sein, denen es gut tut, den eigenen (nur für Nichteltern langweiligen) Alltag wieder und wieder auf zig Klonseiten nachzuerleben und sich gegenseitig im Wunder der Geburt zu bestätigen. Danke für all die liebenswerten künftigen Renteneinzahler.

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