Kunst kommt von künstlich
Mai 30, 2008
Da stehen sie, die Herren mit rotem Schal an dekolletierter Dame, deren kleiner Hund in der Handtasche klemmt. Schade, dass die Töle draußen an der Gardarobe hängt, sonst wäre das Trio Infernale perfekt und die Unterhaltung im wahrsten Sinne auf den Hund gekommen. Was kann das Gemälde dafür, dass jeder sich ungefragt davor platzieren kann, dem wirklich Interessierten die Sicht nimmt und schwitzend dem Verfall der obersten Ölfarbschicht Vorschub leistet. Doch Kunst um ihrer selbst willen gibt es nicht, kann es nicht geben, denn Kunst ist das, was der Betrachter daraus macht. Es ist wie mit dem umfallenden Baum im Wald, dessen Aufschlag erst hörbar wird, wenn ein Hörender anwesend ist. ZEN im Zeichen der Leinwand und so prickelnd wie ein handwarmes Sektglas auf einer Vernissage. So erdulden Künstler und Kunstliebhaber den unvermeidlichen Auftritt gelangweilter Selbstdarsteller mit Escortmädchen, gleich Fliegen am noch warmen Nachweis, dass es auf der Wiese Kühe gibt. Mit Fingerfood und Antipasti-Schnittchen auf Du und Du mit zwei Quadratmetern bemalter Zimmertür und quälender Halbbildung über die Moderne im Allgemeinen und das Abstrakte im Besonderen. Mandelaugen schauen bewundernd auf und zählen im Kopf bereits die Stundensätze für diesen Begleitservice zusammen, Trinkgeld inbegriffen. Und man kennt sich, Mundspray hier und Bussi dort, dem alten Attaché nebst Gattin die Hand geschüttelt, sich in Richtung Stadtrat verbeugt und der Kellnerin auf den Hintern gestarrt, zum Draufklopfen sind die Reflexe beim Ausweichen der Antwort zu langsam geworden. Ja, so feiert man die Geburt einer neue Stilrichtung oder am besten sich selbst, denn der typische Vernissagenbesucher weiß in aller Regel nicht, ob er die nächste noch erleben wird. Da bilden sich gegen den Trend vor den Herrentoiletten die Schlangen, denn neben Trüffel, Kaviar und Allgäuer Mettwurst war für Prostata Mittel kein Platz mehr. Etwas abseits und bereits mit Hut und Mantel steht der Künstler und wartet, dass der am Eingang geparkte Porsche Cayenne von seinem Fahrrad herunter fährt, denn wo sonst 5 Räder stehen, passt auch ein Auto von der Größe einer japanischen Singlewohnung hin. Dessen Besitzer hat gerade eines der Bilder erworben. Mache sich gut zum 90. Geburtstag der Erbtante, denn die sei nicht mehr ganz bei sich und wird sich an dem Geschmier nicht stören.
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