Gefängnisblues
Mai 28, 2008
Um 5 Uhr früh kamen sie, ohne großes Sirenengeheul, einfach vorgefahren, zweimal klingeln, Handschellen und der Haftbefehl auf rosa Papier, das Ticket zu einer neuen Zukunft mit geregeltem Tagesablauf und drei Mahlzeiten am Tag, paradiesisch. Etwas lästig das Aufnahmeritual rund um das „ausziehen, duschen, bücken – Drogentest“, aber dann gibt’s frisch gewaschene Einheitskleidung, es herrscht Dresscode und ein paar warme Worte über das künftige Geben und Nehmen, das heißt, dir wird alles genommen, was du geben kannst. Willkommen im Knast. 6 Uhr wecken, kleine Runde im Hof, Freunde treffen, Schutzgeld zahlen und dann Frühstück. Schwarzbrot, Streichfett und Marmelade aus Pappkübeln, Ferienlagerfeeling. Die Exekutive hält den restlichen Vormittag Hof. Frage nach einem Wörterbuch, Deutsch ist hier Glücksache, doch den Bücherausweis für die Hausbibliothek gibt’s erst mit der Vollmitgliedschaft, doch der Richter ist auf Radeltour in Mecklenburg-Vorpommern. Mittag könnte besser sein, italienisches 4 Sterne Niveau, aber zum Überleben reichts, nur Wein zu pappigen Pasta an Nichts wäre nett gewesen. Anschließend Stippvisite auf der Krankenstation, die Gabel muss wieder aus der Rippe raus, hatte sich beim Stolpern über ein ausgestrecktes Bein des ostanatolisch schauenden Kollegen in meine obere Bauchseite verirrt, kann ja mal passieren. Narkose gibt’s nur Mittwoch, muss ich mir merken, wenn mich der Ostanatole das nächste Mal um meinen Nachtisch bittet. Nachmittag frei, dann Hof- und Stuhlgang, bisschen Straßenkampf im Zellentrakt und Vollkorn mit Mettwurst, alternativ Hartkäse zum Abend, es lebe die Abwechslung. Danach Einschluss und Licht bis 22 Uhr. Der nächtliche Alarm bleibt aus, endlich wieder durchschlafen, da fehlt es an nichts. Und ja, Männer schnarchen. Ob ich morgen den Zirkus noch mal mitmache, weiß ich noch nicht, in jedem Fall werde ich mich als erstes beim Koch erkundigen, ob es auch Semmeln gibt. Schwarzbrot zum Frühstück ist Folter.
artwork